Zum Hauptinhalt springen
Künstliche Intelligenz · Unternehmen und Praxis

Was KI-Stellenanzeigen darüber verraten, welche Arbeit Unternehmen brauchen

← Künstliche Intelligenz

Von Evren BalVeröffentlicht  · 7 Min. Lesezeit

Zwei Führungskräfte vergleichen drei Stellenprofile mit technischen Aufgaben und Teamverantwortung.
Diesen Artikel mit Ihrer KI besprechen

In letzter Zeit sehe ich auf LinkedIn häufiger KI-Positionen bei Unternehmen, die in der Türkei rekrutieren: AI Engineer, Data & AI Lead, AI-First Strategy Development Manager oder Yapay Zeka Grup Direktörü, sinngemäß: konzernweite KI-Leitung. Aufgefallen ist mir, dass KI hier bereits im Stellentitel steht. Sie wird nicht nur als zusätzliche Kompetenz für eine bestehende Tätigkeit verlangt.

Hinter diesen Titeln stehen technische Aufgaben, Produktmanagement, Teamführung und Verantwortung für die Veränderung des gesamten Unternehmens. Die gemeinsame KI-Bezeichnung umfasst sehr unterschiedliche Arbeit. Eine Person soll ein zuverlässiges System für den laufenden Betrieb entwickeln. Eine andere muss entscheiden, welche KI-Vorhaben zuerst verfolgt werden. Eine dritte soll mehrere Unternehmen und Teams auf gemeinsame Ziele ausrichten.

Für diesen Artikel habe ich 17 Stellenbeschreibungen mit Stand vom 12. Oktober 2026 verglichen. Darunter sind Unternehmen aus der Türkei, türkische Teams internationaler Unternehmen und Anzeigen von Beratungsunternehmen. Die Beispiele habe ich selbst ausgewählt. Einige Anzeigen schienen erst wenige Tage zuvor veröffentlicht worden zu sein, andere waren mehrere Monate alt. Ausgangspunkt des Vergleichs ist meine Beobachtung. Ich untersuche, welche Arbeit den einzelnen Positionen zugewiesen wird. Er misst kein Wachstum des türkischen Arbeitsmarkts.

KI-Kenntnisse verlangen oder eine eigene Stelle schaffen

In CXLs Untersuchung von Marketing-Stellenanzeigen verlangten 40 % der 878 untersuchten US-Anzeigen aus dem dritten Quartal 2026 KI-Kenntnisse oder entsprechende Aufgaben. In einer getrennten Stichprobe aus dem ersten Quartal lag der Anteil bei 15 %. Die Untersuchung beschreibt außerdem deutlichere Erwartungen an Automatisierung und die Gestaltung von Arbeitsabläufen.

Diese Ergebnisse gelten für die untersuchten Marketing-Stellenanzeigen aus den USA. Sie lassen sich nicht auf die Türkei übertragen. Die beiden Stichproben verfolgen auch nicht dieselben Stellen im Zeitverlauf. Zudem nutzt CXL die Untersuchung, um eigene Schulungsangebote zu bewerben. Ich sehe die Daten deshalb als begrenzten Hinweis darauf, wie sich Kompetenzanforderungen verändern.

Bei den Anzeigen aus der Türkei fiel mir etwas anderes auf: KI steht im Stellentitel. Von bestehenden Mitarbeitenden eine zusätzliche Kompetenz zu verlangen und für die Arbeit eine eigene Stelle zu definieren, sind unterschiedliche organisatorische Entscheidungen. Das Unternehmen muss auch festlegen, mit welchen Teams die Person zusammenarbeitet, welche Aufgaben sie übernimmt und für welche Ergebnisse sie verantwortlich ist.

Die Stellenbeschreibungen geben darüber mehr Auskunft als die Titel.

Ein System entwickeln, das im Alltag zuverlässig läuft

Hayat sucht für die Position Senior AI Software Developer jemanden, der große Sprachmodelle mit APIs, Datenbanken, SAP und weiteren Unternehmenssystemen verbindet. Die Anzeige nennt die Prüfung von Ergebnisgenauigkeit, Sicherheit, Latenz und Kosten ebenso wie die Entwicklung wiederverwendbarer Komponenten und die Qualitätsprüfung von KI-generiertem Code.

Apilex verbindet in der Anzeige für einen AI Engineer mehrere Aufgaben: Agentensysteme für juristische Arbeitsabläufe, Informationssuche, Evaluation und Regressionstests sowie Entscheidungen über Kosten und Zuverlässigkeit. Auch dass ein System den Bearbeitungsstand bewahrt und nach einem Fehler wieder ansetzen kann, gehört dazu.

In beiden Beispielen geht die technische Arbeit über den Anschluss eines Modells an eine Anwendung hinaus. Sobald ein System mit echten Daten, tatsächlichen Nutzern und wiederkehrenden Aufgaben arbeiten muss, werden die Prüfung seiner Ergebnisse und der Umgang mit Fehlern Teil des Produkts.

Daraus folgt nicht automatisch mehr Arbeit an der Entwicklung von Modellen. Integration, Softwarequalität, Datenzugriff und Verantwortung für den Systembetrieb können in einer einzigen Position zusammenkommen. Wer nur die genannten Technologien zählt, erfasst deshalb einen Teil der Aufgabe.

Ein Titel kann Produkt-, Daten- und Prozessentscheidungen bündeln

Modern Karton erwartet von einem Data & AI Lead, Daten aus SAP, Fertigungssteuerungssystemen (MES) und Sensoren für das Unternehmen nutzbar zu machen. Dazu gehören Analysen und Dashboards für betriebliche Entscheidungen. KI-Anwendungsfälle stehen neben der Verantwortung für Datenarchitektur, Datenqualität und Sicherheit.

Hier bilden Produktionsdaten und die Entscheidungen, die sie unterstützen sollen, den Ausgangspunkt der KI-Arbeit. Die Daten müssen nutzbar sein, die Analysen bei Entscheidungen helfen und die Lösung zum Arbeitsablauf passen. Diese Aufgaben hängen eng zusammen.

Die Position Senior Product Manager bei Massive Bio in Istanbul setzt einen anderen Schwerpunkt: Produktplanung, Erfolgskennzahlen, Akzeptanzkriterien aus klinischen und kommerziellen Anforderungen sowie die Prüfung der Ergebnisse nach der Veröffentlichung. Auch die Abwägung zwischen neuen Entwicklungen und technischen Schulden gehört zur Aufgabe.

Zu entscheiden, was ein KI-Produkt leisten soll, welches Nutzerproblem Vorrang hat und woran sich sein Erfolg messen lässt, bleibt Produktmanagement. Der Zusatz KI im Titel nimmt diese Entscheidungen niemandem ab. Wer sie trifft, muss den Geschäftskontext und die möglichen Kosten eines Fehlschlags verstehen.

Manche Positionen sollen die Arbeitsweise des Unternehmens verändern

TEB Yatırım beschreibt die Position AI Strategy & Transformation Lead als strategische und operative Transformationsaufgabe. Die Person soll Anlageprozesse erfassen, Engpässe und manuelle Arbeit erkennen, Vorhaben priorisieren und Hypothesen über ihren wirtschaftlichen Nutzen entwickeln. Kennzahlen, Validierung, Modellrisiken und Governance gehören ebenfalls dazu.

Der AI-First Strategy Development Manager bei Mavi soll das unternehmensweite KI-Portfolio und die Transformationsplanung verantworten. Die Aufgaben umfassen, bestehende Prozesse gemeinsam mit den fachlich Verantwortlichen zu prüfen, ihre künftige Gestaltung zu entwerfen, mögliche Vorhaben zunächst zu bewerten und ihren Nutzen nach der Inbetriebnahme zu verfolgen. Laut Anzeige berichtet die Position an den Data Analytics Director & AI Group Leader.

Bei Aydem Enerji soll der Yapay Zeka Grup Direktörü — sinngemäß: die konzernweite KI-Leitung — die Konzerngesellschaften, das zentrale AI Office, die Koordinatorinnen und Koordinatoren in den einzelnen Gesellschaften und die Technologieteams abstimmen. Die Anzeige nennt die Bewertung von Anwendungsfällen nach Geschäftswert, Dateneignung, Risiken und Ressourcenbedarf. Die Person soll außerdem den Weg vom Pilotprojekt zur Übernahme in den Arbeitsalltag und zur Skalierung steuern. Ausdrücklich genannt wird die Berichtslinie an den CTO der Holding.

In diesen drei Beispielen kommt zur technischen Kenntnis die Verantwortung hinzu, Arbeit und Entscheidungen über Teamgrenzen hinweg zu koordinieren. Zum Erfolg trägt auch bei, welche Projekte ausgewählt werden, was die Geschäftsbereiche ändern und wie der Nutzen nachverfolgt wird.

Das sind Erwartungen aus Stellenanzeigen. Der Vergleich zeigt nicht, wie weit die Unternehmen diese Arbeitsweisen bereits etabliert haben, wen sie eingestellt haben oder welche Ergebnisse die Umsetzung gebracht hat.

Ein neuer Titel kann bekannte Aufgaben beschreiben

Einige dieser KI-bezogenen Stellen verbinden Kenntnisse in Daten, Software, Produkten und Prozessen, die Unternehmen ohnehin brauchen. Die untersuchten Anzeigen von BCG Platinion mit KI im Titel befassen sich beispielsweise auch ausführlich mit Unternehmensarchitektur, digitaler Transformation und der strategischen Umsetzung von Technologievorhaben. Die KI-Bezeichnung allein erklärt den Aufgabenbereich nicht.

Die Anzeige Data & AI Team Manager von ING Hubs Türkiye betont die Fähigkeiten des Teams, technische Entwicklungsstandards, die Planung des Kompetenzaufbaus und die Zusammenarbeit mit Produktteams. Auch wenn sich das technische Fachgebiet verändert, bleibt die Verantwortung, das Team weiterzuentwickeln und seine Arbeitsergebnisse zu liefern.

Wer eine Anzeige nach ihrem neu klingenden Titel beurteilt, kann einen großen Teil der beschriebenen Arbeit übersehen. Welche Aufgaben lagen zuvor bei einem anderen Team? Welche Verantwortung ist tatsächlich neu? Erweitert die Position bestehende Arbeit, bündelt sie mehrere Stellen oder übernimmt sie Aufgaben, die bisher niemand bearbeitet hat? Der gemeinsame Blick auf die Anzeigen hilft, diesen Fragen nachzugehen. Abschließend beantworten kann er sie nicht.

Wer einstellt, muss auch die Stelle gestalten

Ein Unternehmen, das eine KI-Position ausschreibt, sollte die erwarteten Arbeitsergebnisse ebenso klar beschreiben können wie die Werkzeuge, die Bewerber beherrschen sollen.

Soll die Person beispielsweise eine unternehmensweite Planung entwickeln, muss geklärt sein, wie sie mit den Geschäftsbereichen Prioritäten festlegt und welchen Anteil sie an Investitionsentscheidungen hat. Geht es darum, aus Produktionsdaten Nutzen zu gewinnen, müssen Datenzugriff und Zusammenarbeit mit den Prozessverantwortlichen geregelt sein. Soll sie ein System in den laufenden Betrieb bringen, braucht es Klarheit darüber, wer bei der Qualitätsbewertung mitwirkt und welche Verantwortung sie nach der Inbetriebnahme trägt.

Mit dem Aufgabenbereich wachsen diese Abhängigkeiten. Eine technische Fachkraft kann möglicherweise nicht allein die Prioritäten des Produktteams bestimmen. Auch eine Transformationsleitung braucht mehr als individuelles Fachwissen, um die Dateninfrastruktur und die Arbeitsweise der Geschäftsbereiche zu verändern. Befugnisse, Ressourcen und Zusammenarbeit müssen zum erwarteten Ergebnis passen.

Die Vielfalt, die ich in KI-Stellenanzeigen aus der Türkei sehe, wirft damit weitergehende Fragen für die Personalgewinnung auf. Technische Systeme zu entwickeln, Produktentscheidungen zu verantworten und die Transformation eines Unternehmens zu koordinieren, sind unterschiedliche Aufgaben. Ein Unternehmen kann sie unter einem KI-Titel zusammenfassen. Bei der Besetzung muss es die Unterschiede jedoch erklären.

Was ein Unternehmen braucht, wird am deutlichsten in der Beschreibung hinter dem Stellentitel: in der Arbeit, die getan werden soll, den nötigen Befugnissen und dem erwarteten Ergebnis.

Wenn dieser Artikel hilfreich war

Ein Link von einer passenden Seite Ihrer Website oder das Teilen in sozialen Medien hilft diesem Artikel, mehr Menschen zu erreichen. Vielen Dank.

Hinweise zu Links und Marke →

Über diesen Artikel

Dieser Beitrag wurde auf Grundlage der englischen Fassung redaktionell für die deutsche Ausgabe lokalisiert.

Einsatz künstlicher Intelligenz
Mit KI-Unterstützung — Dieser Artikel beruht auf Evren Bals Beobachtung von LinkedIn-Stellenanzeigen und den von ihm ausgewählten Beispielen. KI-gestützte Werkzeuge wurden für Quellenprüfung, Struktur und Ausarbeitung sowie für die deutsche Adaption der geprüften englischen Fassung eingesetzt.