# KI in der Türkei: Was die Nutzungsquote nicht zeigt

> Was KI-Zahlen und der Aktionsplan über türkische Unternehmen aussagen: eine Einordnung für Führungskräfte, die dort arbeiten oder türkische Geschäftspartner beurteilen.

Ein Lieferant formuliert seine Angebote mit KI verständlicher. Schneller verschickt er sie deshalb noch lange nicht. Der Einkauf muss die Materialkosten bestätigen, die Produktion den Liefertermin nennen und der Inhaber den Preis freigeben. Während der Text besser wird, wartet der Kunde weiter.

Das Beispiel ist hypothetisch. Es zeigt aber, worauf ich bei der KI-Nutzung in türkischen Unternehmen achten würde: Was hat sich an der Arbeit tatsächlich verändert? Wenn Sie in Deutschland oder Österreich ein Unternehmen führen und mit türkischen Lieferanten oder Geschäftspartnern arbeiten, lässt sich aus der Angabe „Wir nutzen KI“ wenig über deren betriebliche Leistungsfähigkeit ableiten. Für die Führung eines Unternehmens in der Türkei gilt dieselbe Unterscheidung.

In meinem LinkedIn-Feed und bei Unternehmen in meinem Umfeld ist KI bereits sehr präsent. Für die Türkei insgesamt erwarte ich eine deutlich ungleichmäßigere Entwicklung, gerade im verarbeitenden Gewerbe, im Bau und in weiten Teilen der Dienstleistungen. Das ist meine Einschätzung, kein Ergebnis einer repräsentativen Untersuchung. Mein berufliches Umfeld bildet die Wirtschaft des Landes nicht ab.

Ich rechne damit, dass sich die Nutzung verbreitet. Ein annähernd einheitliches, fortgeschrittenes Nutzungsniveau erwarte ich kurz- und mittelfristig jedoch nicht. Wettbewerber könnten sich schneller anpassen, als die eigene Geschäftsleitung dazu bereit ist.

## Wie die 7,5 Prozent einzuordnen sind

Das türkische Statistikamt TÜİK berichtet in seinem [Bulletin zur künstlichen Intelligenz für 2025](https://veriportali.tuik.gov.tr/Bulten/Index?p=Yapay-Zeka-Istatistikleri-2025-57945), dass 7,5 Prozent der erfassten Unternehmen angaben, mindestens eine KI-Technologie zu nutzen. Die Erhebung umfasst Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten; kleinere Betriebe sind damit nicht abgebildet. Im Wirtschaftsbereich Information und Kommunikation lag der Anteil bei 47,1 Prozent.

Es handelt sich um Daten von 2025, nicht um eine aktuelle Bestandsaufnahme sämtlicher türkischer Unternehmen. Die Definition reicht von Chatbots über Analysen mit maschinellem Lernen bis zu autonomen Systemen. Wie viele Unternehmen ihre Abläufe mit KI neu organisiert haben, lässt sich aus der Gesamtquote nicht ablesen.

Ebenso wenig belegt sie, dass die meisten Nutzer lediglich Texte bearbeiten. Von den Unternehmen, die KI einsetzen, nannten 41,1 Prozent Produktions- oder Dienstleistungsprozesse als Nutzungszweck. Daraus folgt weder, wie tief KI in diese Abläufe eingebunden ist, noch welcher messbare Nutzen entstand. Die im Bulletin genannten Hemmnisse wie fehlendes Fachwissen, Kosten und rechtliche Unsicherheit beziehen sich auf Nichtnutzer, die einen Einsatz erwägen. Sie erklären nicht die Gründe aller Nichtnutzer.

Ich vermute, dass viele Unternehmen noch keinen Bezug zwischen KI und einem Problem im eigenen Betrieb hergestellt haben. Wie viele das sind, geben diese Zahlen nicht her. Von einer Technologie gehört zu haben, ihren Einsatz zu erwägen und sich im Tagesgeschäft auf sie zu verlassen, sind unterschiedliche Stufen der Nutzung.

Wer einen türkischen Geschäftspartner beurteilt, muss deshalb den einzelnen Betrieb betrachten. Weder die Gesamtquote der Erhebung noch die besonders sichtbaren Beispiele im Netz ersetzen diese Prüfung. Auch innerhalb eines Unternehmens kann das verzerrte Bild zu Fehlentscheidungen führen: Die Geschäftsleitung kauft Werkzeuge, weil alle anderen schon weiter zu sein scheinen, oder verwirft KI, weil die gezeigten Anwendungen zur eigenen Arbeit nicht passen. In beiden Fällen bleibt ungeklärt, was im Betrieb besser werden soll.

## Wo das Angebot liegen bleibt

Eine verständlichere Kundenmail mit ChatGPT zu schreiben, ist nützliche Arbeit. Auch eine einfache Lösung kann bei einem kleinen, wiederkehrenden Problem helfen. Dafür braucht es kein aufwendiges KI-System.

In unserem gedachten Fertigungsbetrieb lässt der Vertriebsmitarbeiter die Anfrage zusammenfassen und einen Angebotstext vorbereiten. Das kann Zeit sparen, obwohl die Freigaben unverändert bleiben. Will das Unternehmen früher antworten, braucht es zusätzlich aktuelle Kostendaten, einen Überblick über die Produktionskapazität und ein praktikables Verfahren zur Preisfreigabe.

Ein Teil davon lässt sich möglicherweise mit vorhandener Software lösen. Ein anderer verlangt klarere Entscheidungsbefugnisse. KI kann bei geeigneten Aufgaben helfen; ein leistungsfähigeres Modell beseitigt die Wartezeit auf eine Freigabe nicht von selbst.

Mit Reifegrad meine ich, dass ein Unternehmen weiß, welche Arbeit es weshalb verändert hat, das Ergebnis prüft und die Anwendung über die Begeisterung einzelner Mitarbeiter hinaus aufrechterhält. Wer das in einem begrenzten Bereich beherrscht, kann weiter sein als ein Betrieb, der Dutzende Werkzeuge gekauft hat.

![Ein KI-unterstütztes Angebot liegt im Vordergrund, während Einkauf, Produktion und Geschäftsleitung getrennte Wartepunkte bilden](/images/inline-ai-adoption/ai-use-is-not-operational-maturity.webp)

Aus Kundensicht verbessert ein klarer formuliertes Angebot zunächst die Kommunikation. Kommt es zugleich früher beim Kunden an und enthält es einen verlässlichen Preis und Liefertermin, ist eine andere betriebliche Verbesserung erkennbar. Diese beiden Fortschritte sollte man auseinanderhalten.

## Auch die Geschäftsleitung muss anders arbeiten

Wenn Abläufe seit Jahren vom Wissen und den Entscheidungen weniger Personen abhängen, geht es bei ihrer Veränderung auch um Befugnisse.

Eine Übersicht offener Angebote macht sichtbar, wo Vorgänge warten. Werden Preisfreigaben delegiert, entscheidet der Vorgesetzte nicht mehr jeden Fall selbst. Aktuelle Kostendaten können dazu führen, dass langjährige Preisgewohnheiten überprüft werden. Eine Schulung im Umgang mit einem Werkzeug klärt diese Fragen nicht allein.

Hinzu kommt die Zeit der Beschäftigten. Das Team soll die laufende Produktion bewältigen und gleichzeitig Daten ordnen sowie eine neue Methode erproben. Räumt die Geschäftsleitung dafür keine Zeit ein, klärt sie die Zuständigkeiten nicht oder kehrt sie nach dem ersten Fehler zum alten Verfahren zurück, wird die Anwendung womöglich wieder aufgegeben.

Deshalb erwarte ich, dass sich der Zugang zu KI leichter verbreitet als eine dauerhafte Verbesserung der betrieblichen Arbeit. Dass schon bald eine sehr große Mehrheit der türkischen Unternehmen einen fortgeschrittenen KI-Reifegrad erreicht, halte ich für wenig realistisch.

Der Computer ist dafür eine hilfreiche Analogie. Ein Unternehmen erstellt damit Dokumente, ein anderes verwaltet Bestände und Aufträge, ein drittes plant die Produktion. Vergleichbare technische Ausstattung kann mit sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen einhergehen.

KI könnte sich ähnlich verbreiten: als zusätzliche Funktion vorhandener Software, durch Versuche von Beschäftigten, die zur Routine werden, oder als eigens entwickeltes System für einen bestimmten Bedarf. Die Reihenfolge muss nicht überall gleich sein. Mit der Zeit können fertige Dienste Aufgaben erleichtern, die heute noch schwierig wirken. Fehlende Vorbereitung ist deshalb kein unveränderlicher Zustand.

Aus dieser Analogie ergibt sich allerdings kein Zeitplan. Dass die Einführung von Computern Jahre dauerte, bedeutet nicht, dass Unternehmen diesmal genauso viel Zeit haben. KI könnte die Kosten einer Aufgabe schneller senken, als ein etablierter Betrieb seine Arbeitsweise anpassen kann.

## Was die Förderung im einzelnen Betrieb erreichen muss

Die Türkei stellte ihren Aktionsplan für künstliche Intelligenz 2026–2030 am 13. Juni 2026 vor. Das dazugehörige Rundschreiben des Präsidenten Nr. 2026/9 erschien am 18. August 2026 im Amtsblatt, wie die [Veröffentlichungsmitteilung des türkischen Städte- und Gemeindeverbands](https://www.tbb.gov.tr/tr/mevzuat-duyurulari/turkiye-yapay-zeka-eylem-plani-2026-2030-ile-ilgili-20269-sayili-cumhurbaskanligi-genelgesi) festhält.

Die [offizielle Vorstellung des Plans](https://www.iletisim.gov.tr/turkce/haberler/detay/cumhurbaskani-erdogan-turkiye-yapay-zeka-eylem-planini-acikladi) beschreibt vier Schwerpunkte, sinngemäß Bewusstsein, Nutzung, Produktion und Steuerung. Angekündigt sind unter anderem die Vermittlung von KI-Grundkenntnissen, die Ausbildung von Fachkräften für KI-Anwendungen und KI-Gutscheine für kleine und mittlere Unternehmen in vorrangigen Bereichen. Das sind politische Vorhaben. Die Ankündigung belegt weder, dass Unternehmen bereits Unterstützung erhalten haben, noch dass sich ihre Abläufe verbessert haben.

Manche Betriebe brauchen zunächst Hilfe dabei, eine sinnvolle Anwendung in ihrer eigenen Arbeit zu erkennen. Hier kann der Plan mit seinem Schwerpunkt auf Bewusstseinsbildung praktisch ansetzen. Gemeinsam zu untersuchen, warum ein Angebot verspätet verschickt wird, kann dafür mehr bewirken als ein allgemeiner Vortrag über KI.

Öffentliche Unterstützung kann Versuche günstiger machen und den Zugang zu Fachwissen erleichtern. Ob sie wirkt, hängt weiterhin davon ab, ob im Unternehmen jemand die Arbeit fortsetzt und Zeit für Datenaufbereitung, veränderte Abläufe und Lernen eingeplant wird.

Ich würde den Plan auch daran messen, ob er Unternehmen erreicht, die noch kein konkretes Projekt für einen Förderantrag beschreiben können. Kommt die Hilfe vorwiegend bei Betrieben an, die bereits ein Projekt beschreiben können, könnten diese vorankommen, während weniger vorbereitete Unternehmen außerhalb des Programms bleiben. Das ist ein Risiko der Umsetzung, keine Bewertung bisheriger Ergebnisse.

Neben Schulungs- und Nutzungszahlen zählt deshalb, ob die Veränderung Bestand hat. Wird die Anwendung nach Ende der Förderung weiter genutzt? Gehen Angebote früher heraus, nehmen Fehler ab und bleibt die Methode erhalten, wenn ein Mitarbeiter geht? Für ein Unternehmen mit türkischen Geschäftspartnern ist die Ankündigung des Plans ein Anlass, die Entwicklung zu verfolgen. Ob der einzelne Partner bereits verlässlicher liefern kann, muss sich in der Zusammenarbeit zeigen.

![Ein Team verfolgt einen gemeinsamen Arbeitsablauf mit klarer Verantwortung und vergleicht abstrakte Messwerte vor und nach der Veränderung](/images/inline-ai-adoption/ai-adoption-needs-continuity.webp)

## Wettbewerbsdruck braucht keine flächendeckende KI-Nutzung

Eine niedrige Quote in der TÜİK-Erhebung verschafft einem langsameren Unternehmen nicht automatisch Zeit. Wenn Wettbewerber mit KI günstiger arbeiten oder besseren Service bieten, dürfte der Verzicht darauf teurer werden. Schon einige Unternehmen können in einem relevanten Arbeitsbereich die Erwartungen der Kunden anheben, bevor fortgeschrittene KI-Nutzung in der gesamten Branche üblich ist.

Wer früher einen korrekten Preis und einen verlässlichen Liefertermin nennt, kann zum angenehmeren Geschäftspartner werden. Der Betrieb hat möglicherweise auch Zeit für weitere Anfragen, während ein anderer mit derselben Belegschaft seine bisherigen Anfragen kaum bewältigt.

Ob KI diesen Vorteil verursacht hat, muss separat geprüft werden. Bessere Daten, einfachere Freigaben oder ein besser organisierter Vertrieb können denselben Unterschied bewirken. Kunden bemerken die Leistung, bevor sie wissen, welche Technologie dahintersteht.

Der Druck kann über Preise, Lieferzeiten oder Anforderungen eines Großkunden entstehen. Aus den Nutzungszahlen lässt sich dennoch weder ableiten, dass Unternehmen ohne KI verschwinden werden, noch wann das geschehen könnte. Kapital, Produktqualität, Geschäftsbeziehungen, lokaler Marktzugang und physische Kapazität können ebenfalls Vorteile sichern. Manche Betriebe passen sich an, kaufen fertige Dienste ein oder bedienen weiterhin einen kleineren Markt. Andere könnten Aufträge verlieren, schrumpfen oder schließen.

Auch ein fortbestehendes Unternehmen kann an Wettbewerbsstärke verlieren: Es bleibt vielleicht am Markt, aber mit geringeren Margen, höherem persönlichem Einsatz der Beteiligten und weniger Wachstumsspielraum. Die breitere Verfügbarkeit von KI stimmt mich deshalb zuversichtlich. Auf die Geschäftsleitungen kommt aus meiner Sicht weiterhin viel Arbeit zu. Öffentliche Förderung kann mehr Betrieben den Einstieg ermöglichen. Die Geschäftsleitung muss dafür sorgen, dass die Verbesserung hält.

Ob Sie ein Unternehmen führen oder als Geschäftspartner auf dessen Leistung angewiesen sind: Verfolgen Sie, was nach dem Schreiben des Angebots passiert. Wartet es weiterhin auf dieselben Entscheidungen, liegt der nächste sinnvolle Schritt möglicherweise nicht in einer besseren Formulierung.

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